Montessori Erziehung zu Hause: die Grundlagen

Montessori Erziehung zu Hause: die Grundlagen

Die von der italienischen Pädagogin und Ärztin Maria Montessori ins Leben gerufene Erziehungs- und Lehrmethode liegt selbst über ein Jahrhundert später immer noch voll im Trend. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, Japan und den USA wächst die Zahl von Kindergärten und Schulen, welche sich gezielt diesem pädagogischen Leitbild verschrieben haben.

Der Leitspruch der Montessori Pädagogik lautet: „Hilf mir, mir selbst zu helfen!“ Das angestrebte Ziel ist es, Kindern zu mehr Selbstständigkeit und Selbstvertrauen zu verhelfen. Dabei sollen sie die Welt mit ihren eigenen Sinnen begreifen lernen. Die Erwachsenen fungieren nur als Beobachter und geben bei Bedarf Hilfestellung. Denn die Jungen und Mädchen sollen durch erforschen und erfahren Zusammenhänge erkennen und sich dadurch selbst Wissen aneignen.

Die pädagogischen Gedanken von Maria Montessori finden aber keineswegs nur in Kindergärten und Schulen Platz, sondern können auch von euch daheim im Alltag umgesetzt werden.

Die Philosophie

Laut der italienischen Ärztin verfügen alle Kinder über erblich festgelegte Grundlagen für ihre Entwicklung. Zu diesen gehört ein innerer „Bauplan“, welcher die Entfaltung eines jeden Menschen leitet. Des Weiteren unterteilt Maria Montessori die Entwicklung in spezielle Stufen, welche altersbezogen sind.

Diese wiederum sind zusätzlich unterteilt in „sensible Phasen“, deren Zeitspannen im Rahmen der Montessori Methode eine relevante Bedeutung zukommt. In diesen Zyklen sollen junge Menschen besonders empfänglich für bestimmte Reize aus der Umwelt sein, was die Aneignung bestimmter Fertigkeiten und Fähigkeiten erleichtert. Die Dauer und der Zeitpunkt sind dabei individuell vom Kind abhängig.

Außerhalb der „sensiblen Phase“ soll das Lernen wesentlich aufwendiger und schwieriger sein. Deswegen müssen Schüler die Möglichkeit erhalten, ihren aktuellen Sensibilitäten entsprechend in einer „vorbereiteten Umgebung“ lernen zu können. Vereinfacht ausgedrückt: Den Kindern werden die Materialien zur Verfügung gestellt, aber sie entscheiden selbst, welche Tätigkeit sie ausüben möchten.

Noch vor einem Jahrhundert galten Kinder als kleine Erwachsene und ebenso behandelt. Die eigene Persönlichkeit wurde ihnen abgesprochen und strenge Erziehungsmethoden angewandt, um die Jungen und Mädchen ruhig zu halten.

Die Montessori Methode galt als revolutionär, weil sie genau das Gegenteil lehrte. Kinder sollen laut dieser Pädagogikform ihre angeborene Lern- und Lebensfreude ausleben, wobei sie eigenen Weg gehen und das Tempo dabei selbst bestimmen. Für Eltern und Lehrer bedeutet dies, dass die Persönlichkeit der Kinder immer im Vordergrund steht.

Wie die Erziehung Zuhause gelingt

Der Besuch von privaten Kindergärten und Montessori Schulen ist kostspielig. Und erfordert häufig logistischen Aufwand, weil sich derartige Einrichtungen selten in direkter Nähe zum Wohnort befinden. Die gute Nachricht: In seinen Grundzügen lässt sich das Erziehungskonzept auch in den eigenen vier Wänden in den Familienalltag integrieren. Viel Platz oder Aufwand ist für die Umsetzung nicht notwendig.

Das Kinderzimmer

Für die Montessori Pädagogik ist nicht die Größe, sondern die Vielfalt der Umgebung wichtig. Mit kleinen Spielbereichen könnt ihr Kinder den Anreiz bieten, sich bestimmten Themen selbstständig zu widmen.

  • Bewegungsecke: In diesem Bereich können besonders kleine Mädchen und Jungen ihren Bewegungsdrang ausüben. Kletterwände, Kriechtunnel, Bälle und auch Hüpfseile laden zum kriechen, klettern und springen ein. Dünne Matratzen dämpfen dabei den entstandenen Lärm und minimieren das Verletzungsrisiko.
  • Kreativecke: Hier darf gemalt, gebastelt und gezeichnet werden. Neben einem abwaschbaren Bodenschutz sind ein kindgerechter Tisch und Stühle empfehlenswert.
  • Ruheecke: Irgendwann benötigt selbst energiegeladene Kinder eine kleine Auszeit. Ein Sitzsack oder ein kleines Kissen laden in diesem Bereich zum Ausruhen ein. Zusätzlich kann diese Zone auch als „Vorlese-Eck“ genutzt werden.
  • Spielfläche: Kleinkinder lieben es, zu puzzeln, Bausteine aufzustapeln oder die Konsistenz eines Stofftieres auf Herz und Nieren zu testen. In diesem Bereich ist es sinnvoll, Spielsachen aufzubewahren, welche die Augen-Hand-Koordination fördern.

Mit diesen Zonen bietet ihr eurem Sohn bzw. eurer Tochter genügend Möglichkeiten, um sich nach Lust und Laune selbst zu beschäftigen. Verzweifelt nicht, wenn die Aufmerksamkeitsspanne der Kleinen noch gering ist und direkt nach Erklimmen der Kletterwand die Malstifte angepeilt werden.

Der Platz für die Ecken muss keinesfalls groß sein. Wichtig ist es nur, dass die Mädchen und Jungen die Möglichkeit haben, ihre jeweilige Tätigkeit selbst zu wählen und ihnen dafür verschiedene Bereiche zur Verfügung stehen.

Besonders in Mietobjekten ist es zum Beispiel schwierig, sportliche Aktivitäten auszuüben, ohne dass die Nachbarn auf die Barrikaden gehen. Hier reicht es beispielsweise aus, wenn dem Kleinkind eine Yogamatte für Purzelbäume oder aber ein Kriechtunnel zur Verfügung steht. Der Bewegungsdrang an sich wird dann auf dem Spielplatz oder bei einem Spaziergang durch den Wald ausgelebt. Dies entspricht nicht ganz Maria Montessoris Vorstellung, aber so lässt sich das Prinzip besser in das eigene Umfeld integrieren.

Die Einrichtung

Bei der Gestaltung der Ecken gilt das Motto: „Weniger ist mehr.“ Zu viel Spielzeug führt zu einer Reizüberflutung und letztendlich dazu, dass die Kinder sich nicht entscheiden können, womit sie sich beschäftigen sollen. Es genügt, wenn in jedem Bereich 4 bis 5 Sachen zur Auswahl stehen.

Möchtet ihr das Ganze interessanter machen, so tauscht in regelmäßigen Abständen die Spielsachen bzw. Bücher aus und lagert den Rest in der Zwischenzeit ein. Die „Montessori“ Ecken müssen sich übrigens keinesfalls alle im Kinderzimmer befinden, sondern können sich über den gesamten familiären Wohnbereich erstrecken. So eignet sich der Tisch in der Küche zum Beispiel tagsüber wunderbar zum Basteln, sollte sich keine Stellfläche für kindgerechte Möbel finden.

Die richtigen Materialien

Das Spielzeug, die Bastelsachen und auch die Möbel müssen nicht teuer oder ausgefallen sein. Wichtig ist dabei nur, dass das Angebot die Fantasie und die Neugier der kleinen Jungen und Mädchen anregt. Auch Familien mit einem schwachen Einkommen oder einer kleinen Wohnfläche können die Philosophie von Montessori zu Hause umsetzen. Ein paar Ideen:

  • Holzklötze
  • Stapelturm
  • Motorikspielzeug
  • Bausteine aus Moosgummi
  • Kugelbahn
  • Eisenbahn aus Holz
  • Puzzle
  • selbstgemachte Knete
  • Tafel und Kreide
  • Waldorfpuppen
  • selbst gesammelte Gegenstände aus der Natur, z. B. Kiefernzapfen, Eicheln, Kastanien …
  • stabile Bilderbücher

Glückliche Kinder – zufriedene Eltern

Bis die Kleinen sich weitgehend mit den bereitgestellten Materialien allein beschäftigen, vergeht einige Zeit. Im Interesse der Kleinen solltet ihr folgende Grundsätze bei der Montessori Erziehung immer im Hinterkopf behalten:

Zeig mir, was Respekt bedeutet: Kinder sind eigenständige und vollwertige Persönlichkeiten mit viel Potenzial. Das bedeutet nicht, dass ihr sie wie kleine Erwachsene behandeln sollt. Aber die Kommunikation auf Augenhöhe ist wichtig. Wer Respekt erwartet, sollte diesen auch unvoreingenommen zurückgeben.

Folge meinen Interessen: Maria Montessori vertrat die Ansicht, dass die kleinen Mädchen und Jungen ihren eigenen Ideen und Bedürfnissen folgen sollen. Wir Erwachsene befinden uns dabei lediglich in der Rolle des Beobachters im Hintergrund. Nur, wenn wirklich Hilfe notwendig ist, greifen wir ein.

Vertrau mir Mama: Dieser Punkt trifft viele Mütter und Väter hart. Denn er bedeutet, dass das Kind selbst entscheiden soll, was für seine Entwicklung notwendig ist. Vielleicht kennt ihr eine Situation, wo ihr euren Nachwuchs vor der Gefahr eines Sturzes oder einer Verbrennung gewarnt habt. Doch alle Worte waren vergebens. Nehmt leichte Abschürfungen oder eine Hautirritation in Kauf und lasst die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. Natürlich nur, wenn die Folgen keine Lebensgefahr bedeuten.

Schütze meine Selbstständigkeit: Hier steht der montessorische Leitsatz „Hilf mir, mir selbst zu helfen“ im Vordergrund. Wenn die Kinder selbst merken, wie viel sie allein ohne fremde Hilfe tun können, stärkt das ihr Selbstvertrauen und fördert Selbstständigkeit. Selbst 3-Jährige schaffen es allein, sich anzuziehen. Mama und Papa könnten ihnen aber zum Beispiel zeigen, wie der Knopf oder Reißverschluss geschlossen wird. Auch, wenn es wesentlich länger dauert.

Zeig mir das echte Leben: Dieser Punkt hängt eng mit „Schütze meine Selbstständigkeit“ zusammen. Als eine Übung des praktischen Lebens wird in der Montessori Pädagogik das Einbinden von Kindern in normale Alltagsarbeiten angesehen. Die Kinder nehmen dabei aktiv an den herkömmlichen Hausarbeiten teil. Sie decken den Tisch, helfen beim Kochen, reinigen mit uns zusammen den Haushalt, legen vielleicht sogar ihre eigene Kleidung zusammen … Die Liste der Möglichkeiten ist lang und die Aufgaben sollten sich immer am Alter des Kindes orientieren. Es ist nicht sinnvoll, einem 2-Jährigen direkt ein großes Fleischermesser in die Hand zu drücken.

FAQ

Wer war Maria Montessori?

Maria Montessori gehörte 1890 zu den ersten Frauen in Italien, welche ein Medizinstudium abschloss und Ärztin wurde. Im Anschluss arbeitete sie in einer Institution für Kinder mit geistiger Behinderung. Sie entwickelte Lernmaterialien und spezielle Methoden, angelehnt an die Bedürfnisse dieser Kinder. Das Resultat war, dass diese Mädchen und Jungen in einer öffentlichen Prüfung ebenso gut schreiben und lesen konnten wie ihre „normalen“ Altersgenossen.

Mittlerweile existieren weltweit über 20 000 Kindergärten und Schulen, welche das Montessori Prinzip ausüben. Tendenz steigend. Zahlreiche Bücher, Artikel, Blogs und Studien befassen sich mit dem Thema und führen nicht nur interessierte Pädagogen tiefer in diese Philosophie ein.

Für wen ist diese spezielle Schulart geeignet?

Grundsätzlich ist der pädagogische Lehrstil von Montessori für alle Mädchen und Jungen geeignet. Unter der Aufsicht von Lehrern machen die Schüler mit ausgewählten Materialien eigene Erfahrungen und erkennen Zusammenhänge besser. Schwierigkeiten kann es bei Kindern geben, welche einen strukturierten Tagesablauf benötigen. Denn dies gibt es beim Montessori-Prinzip nicht.

Was spricht gegen das Schulmodell?

Es gibt einige Gründe, welche gegen einen Besuch in der Privatschule sprechen. Zum einen fehlt der geregelte Tagesablauf, wie einige Schüler ihn unter Umständen benötigen. Die Kinder lernen vielmehr nach ihrem eigenen Tempo und Bedürfnissen. Zum anderen kostet der Besuch von Montessori Kindergärten und Schulen Geld. Familien mit einem geringen Einkommen haben aber die Möglichkeit, ein Stipendium zu erwerben. Ein weiterer Aspekt, welches viele Mütter und Väter abschreckt: Die Eltern werden aktiv ins Schulleben mit eingebunden und arbeiten eng mit den Pädagogen zusammen.

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